Ergänzung: Musikalischer Auftritt des Komponisten und Instrumentenerfinders Hans-Karsten Raecke bei der Finissage der Reutter/Bellmann-Ausstellung am 08. Mai 2011

Säulengarten in Mannheim – Ausstellung Citykirche Konkordien

Der Säulengarten und die zugehörige Bilderausstellung in der evangelischen CityKirche Konkordien liefen vom 24.07. – 22.09.2002.

Die Präsentation wurde in der Information für haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende der Evangelischen Kirche in Mannheim „Namen-los“ mit einem Titelbild beworben, mitverantwortliche Redakteurin: Frau Irene Kupsch.

Frau Dagmar Burisch titelt im MM-Magazin vom 01.08.2002: Dosenkunst und farbsatte Malerei, CityKirche Konkordien zeigt Bilder und Skulpturen von Franz Bellmann

…“Inmitten der Stadt ’stolpert‘ man … über die fantasievollen Gestaltungen aus dem Strandgut unserer Überflussgesellschaft“…

…“In Artefakte verwandelt posieren…zerquetschte Getränkedosen in Form von Stelen und Kuben, einige erinnern an Schreine, die Kostbares bewahren:“…

…“Im Kircheninneren trifft man…auf das malerische Werk des Künstlers“… sie Bild unten. 

…“Und selbst Geschmecktes erhält Bildrecht in dem schokoladenbraun dominierten Gemälde ‚Tiramisu‘„.

(Die Einführung zur Ausstellungseröffnung sprach Frau Dr. Susanne Kaeppele, den Text finden Sie unter Ansprachen in der Kopfzeile dieser Webseite, Die Redaktion.)

Rückblick: Christel Heybrock findet im Mannheimer Morgen vom 27.04.2011 „Zwei Männer im Kontrast“

“Gerd Reutter (Homepage) und Franz Bellmann zeigen in Mannheim neue Arbeiten“- Gemeinsame Ausstellung vom 02. April bis 08. Mai 2011.

Gerd und Franz im Ausstellungsraum Reutter in der Kleinfeldstrasse 50

“Das Verbindende ist das Konträre“, der Kontrast spiegelt sich in den Keramiken von Gerd Reutter und den Müllbildern von Bellmann, die Verbindung fand sich in einer langjährigen Bekanntschaft und der daraus im Laufe der Zeit entstehenden Freundschaft und Zuneigung…

“Zur Eröffnung hatte Bellmann einen sagenhaften Überraschungsauftritt, der fast an die glorreichen Zeiten erinnerte, in denen er als Performancekünstler im scheppernden Getränkedosen-Outfit die Straßenpassanten erstaunte“.

(Der Auftritt kann auf dieser Webseite im alfabetisch gelisteten Themenbereich unter Videos aufgerufen werden. Zum Abschluss noch ein Ausstellungs- und Portrait-Foto von Manfred Rinderspacher, DieRedaktion)

Gerd Reutter schreibt per E-Mail am 15. Januar 2012:

Lieber Franz,

willst Du, dass ich Deine neu und grosszügig gestaltete Homepage kritisiere? Oder einen Kommentar zu unserer Ausstellung?

Christel Heybrock schreibt im MM „Zwei Männer im Kontrast“.

Dies war eine gelungene Ausstellung vom 2. April bis 8. Mai 2011. Werner Marx hielt die Einführung und Franz kam anschliessend mit einer Performance zum Thema „Katastrophe in Fukushima“. Viele Besucher kamen am Samstag, den 9. April zur „Langen Nacht der Museen“. Am Sonntag, den 17. April las Meinrad Braun (http://meinrad-braun.de/) aus seinem neuen Buch. Zum Abschluss unserer Ausstellung am Sonntag, den 8. Mai gab Hans-Karsten Raecke (http://www.raecke-klangwerkstatt.de/) ein kleines Konzert mit selbstgefertigten Instrumenten.

Nie vergessen werde ich die täglichen Schachspiele mit Franz dem grossen Meister.

Gerd Reutter

Gedanken zur zyklischen Arbeitsweise und der Serie „Geklaut“

Der Zyklus ”Geklaut” zeigt exemplarisch die Werkstruktur meiner künstlerischen
Produktion, die Vorgehens- und Verfahrensweise der bildnerischen Atelierarbeit.

Abstrakte Malerei,Foto Manfred Rinderspacher

Dazu gehören die seriellen Werkstränge ”Ahnengalerie” aus den Jahren 2004/05, erotische Bilder der ”W.I.X.”-Reihe (Amor mit Bauchladen, 1995/96), die grossformatigen Walzbilder aus den Anfängen meiner Mannheimer Zeit, die Reißcollagen, die vielen Zeichnungen auf DIN A 4 Papier, die mich stets begleitet haben, die 24-teiligen abstrakt in Öl gearbeiteten Bildfolgen ”Farben blühender Landschaften”, das umfangreiche ”Julibuch” mit all den, ich sage mal, Scherenschnitten, die ”erste und zweite Serie der Qualität”, die ”Slingings” und die dem Rahmenformat 70 cm x 100 cm bzw. 100 cm x 70 cm zuzuordnenden Bilder auf ”Schrumpelpapier” (eigene Wort- und Malschöpfung), ”Terra Deponia”, die Performance ”Dosenglück”, und so weiter und so fort…

Der an Umfang kleinste Zyklus ist dem französischen Bildhauer, Maler und Grafiker Aristide Maillol gewidmet…(Aufnahme unten Matthias Plath.)

”Geklaut” findet sich auf dieser Webseite mit einer Auswahl von 35 Gemälden
wieder. Alle Arbeiten dieser Hommagen bewegen sich im Bildformat von
26,6 cm x 21,7 cm, alle aus 2003, alle tragen in der ein oder anderen Form die Namen der SchöpferInnen, alle sind namentlich und mit Datum signiert.

”Geklaut” ermöglicht eine persönliche Konfrontation mit Urgesteinen und Ikonen
der Bildenden Kunst, eine Kontaktaufnahme mit Pinsel, Spachtel, Farbe, Stift…,
mit Beifügungen und Änderungen, wie bei Heinz Braun ”Lieber Idiot als Beamter”
vollzogen.

"Zyklus 2:3", Foto Matthias Plath
Ein Werk aus dem“Zyklus 2:3″, Foto Matthias Plath

Der Zyklus 2:3 umfasst neben mehreren zeichnerischen Entwürfen in Tusche fünf Bilder in Öl gearbeitet mit dem jeweiligen Format 150 cm x 150 cm.

Alle Arbeiten sind ergebnisbezogen Prognosen. So hat der Starclub Bayern München gegen den Karlsruher Sportclub in der Verlängerung zuhause nie und nimmer 2:3 verloren. Vielleicht wird sich in der Zukunft dies Ergebnis zufälligerweise einstellen, es müsste dann mindestens ein Pokalspiel um den DFB-Pokal sein. Auch das Bild Real Madrid vs. Juventus Turin stellt eine Vorhersage dar.

Dieses Werk wurde einen Tag vor dem terminierten Endspiel fertig gemalt und trägt den Untertitel “Die Macht des Spiels“.

Das Werk entstand 1998 und befindet sich in Privatbesitz. Auf eine Darstellung auf der Webseite wurde verzichtet.

Für die Federzeichnungen in Tusche kam Transparentpapier zum Einsatz.

Rückblick: Todesfuge im Keller

Hans-Ulrich Fechler berichtet in DIE RHEINPFALZ vom Donnerstag, 18. Juni 2009:

Wenn am Freitag das Kunstprojekt in den Abrisshäusern Ostpreussenstrasse
24 bis 28…eröffnet wird, dann werden einige von dem Künstler Franz Bellmann
gestaltete Kellerräume verschlossen bleiben. Der…Künstler hat Paul Celans Gedicht ”Todesfuge” in eine Installation umgesetzt… Was Bellmann für Zensur hält, ist aus Sicht der Organisatorinnen Widerstand gegen dessen Anmaßungen.

Schwarze Milch der Frühe”Schwarze Milch der Frühe” hebt Paul Celans Gedicht ”Todesfuge” an und
klingt aus in den bis zum Überdruss nachgesprochenen Vers
”Der Tod ist ein Meister aus Deutschland”. Das Jahrhundertgedicht über die
Menschheitskatastrophe im 20. Jahrhundert, den Völkermord an den Juden in
den Gaskammern der Vernichtungslager, gibt in der Ostpreussenstrasse Anlass
zu kleinlichem Tratsch im Treppenhaus. Franz Bellmann hat das Gedicht vom
ersten bis zum letzten Vers an die Kellerwand in der Ostpreussenstrasse 26
geschrieben. Die wie die Todeshäftlinge durchnummerierten Kellerräume hat er
mit gefundenem Material aus den dem Abbruch geweihten Häusern bestückt…

In Raum 14358 steht ein Bottich auf dem Boden und ”Zyklon B” an der Wand. Ein alter Ofen macht einen anderen Raum zum Krematorium, ein Seziertisch einen weiteren zum Raum medizinischer Menschenversuche. Es gibt eine Haftzelle für Männer, eine für Frauen, einen Verhörraum mit der Aufschrift ”Zutritt nur für Folterer” und einen sogenannten ”Raum des Abschaums”, wo sich die Folterer aufhalten. Hier ist Farbe ausgebreitet und ein Kanalisationsdeckel geöffnet. Und schließlich gibt es auch noch einen ”Raum des Gedenkens”…(Der zur Aufklärung der damaligen Gegebenheiten beitragende Artikel liegt unserem Archiv vor und kann dort eingesehen werden, DieRedaktion.)

„Wenn Häuser weinen“ in DIE RHEINPFALZ vom 10.06.2009 von Hans-Ulrich Fechler: Vor dem Abriss eines Ludwigshafener Siedlungsblocks haben 26 Künstler die Wohnungen in Kunstobjekte verwandelt.

Das hat es in Ludwigshafen noch nie gegeben. Künstler beziehen einen Häuserblock kurz vor seinem Abriss und verwandeln Wohnungen und Fassaden in Kunstobjekte…bevor dann Anfang Juli die Abrissbirne zuschlägt.

„Das weinende Haus“ (Originaltitel von Franz Bellmann, DieRedaktion) steht an der Ostpreussenstrasse 26…Im Treppenhaus setzt Klaus Hopf die Aufschrift bildlich um. Aus abgeschlagenem Putz rinnen Farbspritzer wie Blut aus einer Wunde oder wie Tränen,…Dass es in dem Haus nicht mit rechten Dingen zugeht, macht schon Franz Bellmanns Fassadenkunst deutlich… (Der gesamte, sehr informative Artikel liegt vor und kann bei uns eingesehen werden, DieRedaktion.)

Ständig auf zu neuen Ufern

Von Christel Heybrock

Foto Matthias Plath
Foto Matthias Plath

Er hat ein Gesicht wie ein ergrauter Seefahrer, und in gewisser Weise ist er auch einer. Zumindest macht sein Atelier in der Mannheimer Altstadt den Eindruck einer Wunderkammer voller Trophäen, die er auf Reisen durch die Wirklichkeit gesammelt hat. Sehr weit freilich musste er nicht fahren, um Dinge zu finden, die seine Fantasie herausfordern, im Gegenteil, sie purzeln ihm tagtäglich vor die Füße: Kartons und Dosen, Eimer, Gabeln, Zigarettenkippen, Flaschen, Korken, Blechdeckel, Maschendraht, Stofffetzen …. Im Grunde gibt es nichts, was Franz Bellmann nicht gebrauchen kann. Er nimmt so ein Wegwerfding, dreht es vielleicht mal in der Hand, und, zack, erhebt sich in seinem Kopf wahrscheinlich schon die Säule aus Blechdosen, die Stelengruppe aus übereinander getürmten Kronenkorken oder das Materialbild aus Kartons, Drahtstücken, Löffelstielen und Zahnbürsten.

Franz Bellmann ist Künstler, und in einer anderen Lebensform hätte er, der gelernte Bautechniker und Soziologe, auch niemals Wurzeln schlagen können – wo soll einer mit solchem Gebrodel im Kopf denn sonst hin? Geboren 1946 in Haidl/Böhmen, verschlug es ihn noch vorm Abitur nach Karlsruhe, wo er später auch sein erstes Atelier einrichtete. Damals in den siebziger Jahren glaubte er wohl zwar immer noch, er könne auch für eine bürgerliche Existenz taugen. Aber 1985 gab er den Gedanken daran auf und kam nach Mannheim. Seitdem treibt er in der Rhein-Neckar-Region sein Unwesen, und das äußerte sich mitunter richtig spektakulär, weil nämlich die Blechdose, speziell die Alu-Getränkedose, zu einer Art Markenzeichen wurde für den Franz Bellmann.

Unvergessen aus den neunziger Jahren seine Dosen-Plattfahr-Aktionen in Karlsruhe und am Mannheimer Landesmuseum, unvergessen seine Performance „Dosenglück“, seine Dosenspaziergänge und Dosen-Mahnwache – die Getränkedose war und ist für Bellmann ein massenhaft verfügbares und als solches erstaunlich formbares Material. Säulen und Girlanden ließen sich daraus ebenso anfertigen wie ganze Bäume oder beängstigend aus Eimern und Badewannen hervorquellendes Füllmaterial (beispielsweise 1995 in der Ludwigshafener Galerie Hartmannstraße). Nicht zuletzt fungierte die Dose sozusagen als Maschenelement für Bellmanns Dosenanzüge, in denen er beispielsweise in der Darmstädter Fußgängerzone, in Ludwigshafen oder der Heidelberger Altstadt scheppernd und klackernd die Passanten erstaunte. Die Dose als Chaos-Material schlechthin – Bellmann führte mit solchen Aktionen im öffentlichen Raum auch dem Publikum vor Augen, welche Gebirge an Müll es durch seine gedankenlosen Trinkgewohnheiten produzierte, und insofern ist es nicht falsch, ihn in der Nähe von mahnenden Aktivisten wie Otto Dressler und Bernd Loebach-Hinweiser anzusiedeln. So wie diese beiden Kollegen, erfuhr freilich auch Bellmann, dass nicht alle Leute ihm wohl gesonnen waren, vor allem Getränkehändler empfanden ihn naturgemäß als wenig verkaufsfördernd. In Ludwigshafen wurde ihm gar der Zugang zum Rathaus-Center verwehrt, aber die Stadt Mannheim würdigte ihn 1993 mit dem Umweltpreis und stellte ihm 1996 das mehrstöckige Rathausfoyer für eine nun wirklich raumgreifende Doseninstallation zur Verfügung.

Der Eindruck von ausufernder Fülle, die letztlich auch den Künstler selber fast in den Hintergrund drängt, täuscht aber bei Bellmann. So chaotisch und wuchernd das alles aussah, so systematisch ging er in Wahrheit jedes Mal vor. In einer Publikation über die „Dosenglück“-Performance beschrieb er 1994 penibel deren Zweck und Aufbau, rubriziert als „Arbeiten unter der Verwertungsidee“. In fünf Stationen kam er zum Endergebnis Dosensäule, und das ging so: In nur zwei Jahren, zwischen 1992 und 1994, konnte Bellmann zwischen Mannheim und dem nahen Bruchsal mehr als 10.000 Getränkedosen „der Umwelt entnehmen“ (das viel bekrittelte Dosenpfand gab es damals noch nicht). Und da man seinerzeit bei jedem Gang zu Zeitungskiosk oder Supermarkt platt gefahrenen Coladosen auf der Straße begegnete, machte Bellmann ein Prinzip daraus: In öffentlichen Aktionen legte er 500 bis 1000 Dosen auf den Boden und fuhr mit Autos, Lastwagen oder Straßenwalzen so lange darüber, bis sie alle platt wie ein Teppich waren. Dann wurden sie auseinander genommen, „mittig gelocht“, und zwar „mit einem Locheisen (14 mm) und zwei Hammerschlägen (Fäustling 1,25 kg)“ und mit Wasser abgespült. Letzte Station war dann die „Ständerung“ – die zerquetschten Behältnisse, jedes einzelne auf ganz individuelle Weise platt und beulig, wurden auf einen Eisenstab „aufgefädelt, zusammengedrückt und verschraubt. Ein Ständer trägt dann im Mittel 200 Dosen.“

Auch die Performances, die Dosenmahnwache in Mannheim – alles wurde bis ins Detail vorher geplant und durch Skizzen festgelegt. Von dem Teilstück der Mannheimer Fußgängerzone am Schmettau-Brunnen, wo Bellmann seine Dosengräber und Mahnwache aufbaute, fertigte er zuvor eine maßstabsgetreue Zeichnung: „Dosengrab jeweils 1001 Dosen, Grabgestaltung ca. 10.000 Kronenkorken und Filmdosen“, sogar die scheinbar so simpel aus gepressten Dosen aufgeschichteten Stelen wurden und werden immer noch penibel auf Millimeterpapier entworfen – was so spontan aussieht, ist alles andere als das. Und zu den Vorbereitungen gehören nicht zuletzt auch die Genehmigungen der Kommunen für derartige Auftritte. Wildes Herumscheppern gibt’s nicht bei Bellmann, für mögliche ordnungsdienstliche Platzverweise wäre der Aufwand auch zu groß.

Mittlerweile hat Bellmann zwar die Performances, aber nicht die öffentlichen Präsentationen aufgegeben. Er ist heute über 60, und sein Dosenanzug wog etliche Kilo, allein der Helm aus gepressten Alubehältern drückte mit 10 Kilo aufs Künstlerhaupt. Am Helm waren zudem die Anzug-Dosen befestigt bis hinunter zur „Schleppe“, die Bellmann wie einen Metallschweif hinter sich herzog. Ohne Motorradhelm als Kopfschutz unter der ganzen Pracht wäre es nicht gegangen, gesteht er, und zeigt im Atelier, dass zumindest der Helm inzwischen eine eindrucksvolle Funktion erfüllt als krönender (und ziemlich ausladender) Abschluss eines originellen Garderobenständers. Der ist aus Blecheimern, Deckeln, einer Kuchenform und anderen Fundstücken zusammengesetzt – und erneut hält man auf den ersten Blick das exotische Gebilde für ein in kürzester Zeit gebasteltes Spontanwerk. Stimmt mal wieder nicht! Das schwere Ding steht nicht nur sicher auf einer Holzpalette aus dem Obsthandel, die den Sockel abgibt, sondern wird mit einem durchgehenden Rohr von innen stabilisiert. Von Statik versteht er nun wirklich etwas, der Franz Bellmann, andernfalls würden seine Arbeiten eine Gefahr auch für ihn selber darstellen.

Von den drei Atelierräumen in Mannheim (sein privates Domizil befindet sich in einem Vorort) hat der Baufachmann den Depotraum sogar als kleine Maisonnettewohnung eingerichtet, indem er einen Holzboden einzog, der über eine Leiter zugänglich ist: Oben ist Platz genug für ein Zimmer zum Übernachten, falls es mal spät wird bei ihm, unten stapeln sich derweil seine Bilder. Wenn man seine Schöpfungen so überblickt, fragt man sich schon mal, wie man den Mann einordnen soll. Performancekünstler? Bildhauer? Maler? Zeichner? Sammler? Denkt er nun eher zwei- oder eher dreidimensional? Hat er ein Händchen eher für Farben als für plastisches Material? Ist er mehr Hand- als Kopfarbeiter? Ach, man gibt es bald auf – Franz Bellmann, das ist ein Kosmos an Kreativitäet, etwas Ungebremstes, Wucherndes, Drängendes, ständig Probierenmüssendes ist in ihm drin und um ihn herum, und wer sich in diesem Dschungel aus Mythen, Präzision und forschendem Austesten nicht zurechtfindet, ist eigentlich nur durch eigenes Unvermögen daran schuld.

In einer Ecke am Fenster erhebt sich eine ebenso schmale wie scheinbar fragile Säulchengruppe aus geschichteten Kronenkorken, etwa zwei Meter hoch! Man wagt zwar kaum zu atmen davor, aber alles ist fest und zudem mit einer durchsichtigen Schicht überzogen. Im Raum nebenan, gegenüber dem helmgekrönten „Garderobenständer“, eine mehr als mannshohe, gespaltene Holzskulptur, die sich als Baum aus dem Pfälzerwald entpuppt: Bellmann, von Fundstücken stets fasziniert, fand das bereits abgestorbene Holz so ausdrucksvoll, dass er es ins Atelier schleppte und so bearbeitete, dass es zur abstrakten Skulptur wurde, aber seinen urwüchsigen Charakter behielt.

Bilder ringsherum: manche mit dermaßen pastos aufgetragenen Farben, dass man sie eigentlich als Reliefs bezeichnen müsste, andere Malwerke dagegen fein und luzid. Figuren „kann“ er ebenso flott wie völlig freie Kompositionen. Porträts? Kein Problem. Ein paar kantige, höchst expressive Gesichter seien, so Bellmann, aber nur „Fantasieporträts“. Große Gemälde, in denen undefinierbare Mythen wabern, wechseln mit wunderbar dichten, abstrakten kleinen Ölarbeiten auf Papier. Hingucker sind auch Kompositionen aus Tropf- und Kleckerbahnen, Bilder, die an Jackson Pollocks „Drippings“ erinnern. Bei Bellmann sind sie Ergebnis von Schleuderprozessen, er wollte mal ausprobieren, was dabei heraus käme. Die großen Materialbilder aus farbüberschütteten Dosen, Drähten, Eimern, Hufeisen, Zahnbürsten, Schulterpolstern, Blumenkübelrädern, Muscheln und werweißwasnoch – sie sind im Grunde Boden- und Liegebilder, wenn sie sich dem Blick angemessen präsentieren sollen. Chaotisch? Wer mit Distanz hinsieht, erkennt klassisch quadratische Grundstrukturen, in einem Fall stoßen vier imaginäre Quadrate mit den Spitzen in der Bildmitte aneinander, so dass sich sternförmig ausdehnende Straßenschneisen in das Sammelsurium eingegraben haben. Quadrate? Straßen? Natürlich, gelernte Bautechnik prägt doch!

Rätselhaft und erstaunlich karg muten dagegen kleine Papierarbeiten an mit jeweils einer etwas kopflastigen Figur aus Konturlinien. Was ist das? Was bedeutet es? „Ach, nur so“, sagt Bellmann. „Gucken Sie mal, so geht das,“ und er holt einen Bleistift, spitzt ihn ordentlich lang an, bricht die Spitze ab und reibt das Graphitstückchen mit der Fingerkuppe in unterschiedlich festem Druck über ein Papier: wieder eine kleine Figur, das geht in ein paar Sekunden. Wenn er dann noch partiell Titanweißpaste drüberlegt und mit einem Japanspachtel zieht, ist die Mischung aus Intensität und Distanz perfekt. Aber mit so kleinformatigen Minutenübungen will Bellmann sich nicht immer befassen, er denkt schon wieder in ganz großen Dimensionen.

Mannheim am Neckarufer! Anfang Oktober 2007 richtet Bellmann in Höhe des Collini-Centers einen Skulpturenweg von zweieinhalb Kilometern Länge ein bis hin zur Feudenheimer Brücke. 23 Skulpturen aus (unter anderem) Dosen akzentuieren die Uferlandschaft bis mindestens Anfang Februar 2008, die Genehmigung der zuständigen Behörden hat er ordnungsgemäß eingeholt. 16 Arbeiten sind auf 4 Meter hohen Baumstümpfen montiert, manche gar zu zweit auf einem Stumpf, und einige Arbeiten sind zudem sehr schmal und lang. Bellmann: „Die schwanken natürlich!“, denn am Wasser kann es immer mal windig werden, noch dazu in der Herbst-/Wintersaison. „Das geht nur mit einem Sicherungsseil,“ erklärt er. Aber passieren kann eigentlich gar nichts, denn seine Konstruktionszeichnungen sind alle so präzise ausgearbeitet, dass man sich wundert, wie nüchtern und rational er die Fülle des Materials und seiner eigenen Fantasie in Schach hält. Zwischen Kalkül und Uferlosigkeit scheint der Mann permanent eine innere Waage zu halten. Es gibt ja nicht so viele Leute, die das hinkriegen.

Info:

– Skulpturenweg am Mannheimer Neckarufer (zwischen Collini-Center und Feudenheimer Brücke) von Anfang Oktober 2007 bis Anfang Februar 2008

– Atelier in 68159 Mannheim², H 7, 24, Tel. 0621-3974 9958

Erschienen in: Kunst und Kosmos