Ausstellung in Mannheim: Kulturtreff Altes Rathaus e. V., im Frühjahr 2001

Manfred Rinderspacher begleitete als Fotograf die Geschehnisse rund um die Bronzeskulptur „Baas Kathrin und Vetter Schorsch“ auf dem Rathausvorplatz in Mannheim-Feudenheim. Berichte folgen, DieRedaktion.

„Dosen als Kunstobjekte“ – F. B. in Ma.-Feudenheim, MM vom 14.03.2001, Bericht Sibylle Lauth…

Was haben ein Mannheimer Künstler und ein Bundesumweltminister gemein? Warum erscheint Jürgen Trittin ausgerechnet zu einer Vernissage in Ma.-Feudenheim?…Doch liess die Antwort nicht lange auf sich warten: Es müssen die Dosen sein, die sich auf dem sonst so idyllischen Platz mit der Skulptur „Vetter Schorsch und Baas Katrin“ von Professor (DieRedaktion) Karl-Ulrich Nuss auftürmen, zerbeulte, verrostete Getränkebüchsen, …über den Ziehbrunnen und die Skulptur trapiert. Hat sich da jemand seines Hausmülls entledigt?…(Der sehr umfangreiche Bericht liegt uns vor, DieRedaktion.)

MM in der obigen Ausgabe: „Saubermachtag“ in Seckenheim, Vereine fanden jede Menge Flaschen und viel Hundekot: Vertreter von örtlichen Vereinen und Organisationen,…fanden sich in diesem Jahr wiederum zum gemeinsamen Seckenheimer Saubermachtag zusammen. Ziel war es, Müll… zu beseitigen…aber leider gab es in diesem Jahr wieder viel zu tun, denn die Mitverantwortung für die Umwelt und das Wohn- und Lebensumfeld ist bei einigen Bürgern (genauer vielen, DieRedaktion) offensichtlich unterentwickelt…Draussen an der Autobahn und beim Spielplatz im Wäldchen…lag der Dreck massenweise herum…Auffallend viele Flaschen und Getränkedosen mussten eingesammelt werden…(Alles weitere bei uns, DieRedaktion.)

MM ebenda: Dosenmaxe gesellen sich zu Kathrin und Vetter Schorsch: Mannheimer Künstler Franz Bellmann regt mit Ausstellung „Dosenglück und Tatrablick“ zum Nachdenken an, von Dirk Jansch

So richtig glücklich sahen die Feudenheimer nicht aus, als der Mannheimer Künstler Franz Bellmann am Montag seine Ausstellung „Dosenglück und Tatrablick“ auf dem Rathausvorplatz eröffnete… Während Baas Kathrins neue Mülltütenmütze noch mit dem regnerischen Wetter in Verbindung gebracht werden konnte, sorgte Vetter Schorschs Plastik-Windel für verständnisloses Kopfschütteln. (Diese in Anspielung auf Inkontinenz angebrachte Plastik-Windel wurde in einer nächtlichen Aktion von Unbekannten umgehend entfernt, DieRedaktion). Sogar den Sandsteinbrunnen hatte der Künstler mit einer seiner Dosen-Stelen „entweiht“, was Bürgerdienstleiter Nikolaus Till die Sorgenfalten auf die Stirn trieb…Trotz dieser Ankündigung konnte Till nicht verhindern, dass Bundesumweltminister Jürgen Trittin einen weiteren gelben Müllsack mit Dosen vor dem Rathausbrunnen entleerte…(Dieser überaus interessante und amüsante Artikel kann komplett bei uns eingesehen werden, u. U. beim Mannheimer Morgen, DieRedaktion.)

RHEIN-NECKAR-ZEITUNG unter Mannheimer Nachrichten vom 16.03.2001

„Dosenglück“ nennt der Mannheimer Franz Bellmann seine Kunstobjekte. Vor allem Getränkedosen sammelt der 1993 mit dem Umweltpreis ausgezeichnete Künstler und verarbeitet sie zu Kunstwerken… auf dem Rathausplatz die Skulptur „Vetter Schorsch und Baas Kathrin“ dosengerecht umgestaltet hat. In der Räumen des benachbarten Kulturtreffs sind…Arbeiten des Künstlers zu sehen, der insbesondere durch seine „Plattfahraktionen“… viel Aufsehen erregt hat. (Der komplette Text liegt vor, DieRedaktion.)

Feudenheimer Anzeiger vom 31. März 2001 veröffentlicht einen Leserbrief: „Feudenheim empört – Rathausplatz entehrt“

Es ist für Feudenheimer Bürgerinnen und Bürger, die sich mit dem Rathaus und Rathausplatz identifizieren, nicht akzeptabel, was sich die Initiatoren und der „Künstler“ mit dem „Dosenkunstwerk“ erlaubt haben. (Der Initiator war allein der „Künstler“, DieRedaktion.) Nicht nur die Figurengruppe „Vetter Schorsch und Baas Kathrin“, sondern auch der historische Brunnen mussten als Schrottplatz herhalten. Der Künstler (Hr. Nuß), der die Figurengruppe erstellte, wurde sicherlich nicht gefragt, ob er mit dem Dosenbehang und der Pampershose für sein Kunstwerk einverstanden ist. (Anmerkung: Eine telefonische Anfrage bei Herrn Prof. Nuss brachte im Vorlauf die Genehmigung, sein Werk durfte in die Aktion mit einbezogen werden, DieRedaktion.) Auch wenn sich ein Minister Trittin die Ehre gibt, Feudenheim zu besuchen und auf dem Rathausplatz einen gelben Sack mit alten Dosen auszuschütten, muss man sich fragen, ob ausgerechnet dieser Schmuckplatz derart verunstaltet werden musste. Zur Entsorgung seines Mülls kam der Minister nicht mehr. (Dafür der „Künstler“, DieRedaktion.) Nach Meinung der Bürgerschaft war diese Art der Wahlwerbung ein Eigentor. Vor dem Entscheid, eine derartige „Kunstaktion“ auf einem Rathausplatz zu genehmigen, sollte man sich in Zukunft mehr Gedanken über das zu erwartende Echo machen. (Der Verfasser des Briefes ist uns namentlich bekannt, DieRedaktion.)

Im Feudenheimer Anzeiger wurde gar gedichtet: Negativ-Image für Trittin (Der Name des Dichters ist uns nicht bekannt, DieRedaktion.)

Leider hält ein Kunstwerk still, # wenn es jemand schänden will! # Vetter Schorsch und Bas Kathrine # duldeten mit Bronzemiene, # dass am Rathausplatz Banausen # wild mit leeren Dosen hausen. # Behängt war’n Bas und auch der Vetter- # dadurch wirkten sie nicht netter. # Eigens kam zu dem „Event“ # Herr Trittin noch angerennt. # Schüttet am Gemeindehaus # ungebeten Müllsack aus! # Zum Entsorgen bot sich dann # der Minister selbst nicht an! # „Tritt ihn!“, ruft das Volk empört, # „ihn, der unsern Schmuckplatz stört! # Er leere doch im eignen Haus # im Wohnzimmer den Müllsack aus!“ (gra.)

Ebenda erschien eine Rezension (Verfasser unbekannt, DieRedaktion) Franz Bellmann will mit Kunst bewegen

F. B. stellt seit zehn Jahren das Projekt „Dosenglück“ in den Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens. Doch wer nur die Dosenperformance auf den Rathausplatz sah, versäumte seine starkfarbigen Tatra-Bilder im Kulturtreff. Hier zeigt sich,… was er immer schon wollte: Malen… sondern geht mit seiner Malerei, Bildhauerei und seinen Aktionen in den öffentlichen Raum, wobei er bewusst beim Publikum Diskussionen anzetteln will – was ihm in Feudenheim auch gelang. „Ich male nicht fürs Schlafzimmer“, stellt er klar,… So rief er 1995 in Mannheim zum ersten Anti-Dreck-Tag auf, an dem Kinder und Lokalpolitiker als Dosenmenschen hinter einem Dosensarg marschierten und…

…Die Massen an Dosen für seine Arbeiten und Aktionen sammelte er: „Man braucht sich nur zu bücken“ prangert er den Dreck an… Seine farbenfrohen Bilder malt er auf Schrumpelpapier mit Farbresten, die andere bei Maler- und Lackierarbeiten übrig lassen. Drei Schichten Makulaturpapier (Vom MM, DieRedaktion) verklebt er mit Wandfarbe, arbeitet schiebend Konturen in das durchfeuchtete Papier,…

„M-Eine Stadt sucht einen Mörder“, 2000, Privatbesitz, Foto Manfred Rinderspacher, Titel aus dem gleichnamigen Film von Fritz Lang

Den Begriff Tatrablick, den der Wiener Maler des phantastischen Realismus, Rudolf Hausner, prägte, setzt Bellmann in seinen Bildern um. „Ich spinne visuelle Eindrücke im Kopf weiter. Das ist, als ob man auf dem Rücken im Gras liegt und die Wolken den Blick in eine phantastische Welt öffnen.“…

…Eine ungewöhnliche, zum Diskutieren anregende Ausstellung eines vielschichtigen, kritischen Künstlers, für die sich, wie Franz Bellmann betonte, May-Britt Hiemenz stark engagiert hatte. (UK)

Ein weiterer, längerer Artikel auf der Frontseite des Feudenheimer Anzeigers vom 31. März 2001 titelt: Jürgen Trittin verteidigte Dosenpfand, Franz Bellmann startete mit „Dosenglück und Tatrablick“ spektakulären Feldzug…

Mit Datum vom 30.03.2001 teilte mir eine freie Mitarbeiterin beim Feudenheimer Anzeigers auf einer Postkarte folgendes mit:

Sehr geehrter Herr Bellmann,

heute erschien unsere Zeitung mit dem Artikel über Ihre Ausstellung. Das Foto auf Seite eins, der zweite Teil auf Seite sechs. Ich habe es kopiert, denn Zeitungen sind bei uns immer rar. Finden Sie sich wieder? Zwar wurde der Teil über Ihre Ausstellung aus Platzgründen – leider – etwas gekürzt, aber ich finde, es kommt gut „rüber“, was Sie mit Ihrer Kunst erreichen wollen, mir haben Ihre Bilder sehr gut gefallen. Wie die Dosenperformance auf dem Rathausplatz ankam, sehen Sie ja am Leserbrief – dazu kamen jede Menge Anrufe.

Mit freundlichen Grüssen

Ute König

(Ein soeben am 04.02.2012, um 19:45 Uhr über 30 Minuten dauerndes Telefonat brachte die Freigabe zum Abdruck obiger Postkarte sowie letztlich die Erkenntnis, wer hinter (UK) steckt, DieRedaktion.)

Mit Kurzbrief vom 01.04.2001 schrieb ich Herrn Prof. Nuss:

Sehr geehrter Herr Nuss, ich hab‘ mich mit viel Lust und Laune über Ihre Schwätzle haltenden Bronzen in Mannheim-Feudenheim hergemacht, was das hiesige Bürgertum zu Geschrei und Gezeter veranlasste, selbst das ARD-Nachtmagazin hatte davon Wind bekommen. Jetzt hat sich der Sturm gelegt und ich schicke Ihnen dankender Weise einige Infos dazu. (Datum, Unterschrift, DieRedaktion.)

Antrag auf „Sondernutzung Rathaus-Platz, Altes Rathaus Feudenheim, Hauptstrasse 52, 68259 Mannheim in Verbindung mit „Kulturtreff Altes Rathaus Feudenheim e. V. (sehr trocken zwar, es muss sein, DieRedaktion.)

Stadt Mannheim, Fachbereich Sicherheit und Ordnung, K 7, 68159 Mannheim, vom 27.11.2000

Sehr geehrte Damen und Herren,

anlässlich unserer Ausstellung mit Bildern und Skulpturen unter dem Titel „Dosenglück“ vom 11.03.2001 – 16.04.2001 (Eröffnung am 11.03.2001 um 17:00 Uhr) im Alten Rathaus Feudenheim in den Räumen des „Kulturtreffs Altes Rathaus Feudenheim e. V.“ bitte ich Sie hiermit um Erlaubnis, für diese Zeit auf dem Rathaus-Platz ein bis zu 50 qm grosses Dosenarrangement zu errichten, das aus zwanzig Dosenstelen bzw. Dosenskulpturen bestehen soll, und zwar unter Einbeziehung der örtlichen Gegebenheiten – Ziehbrunnen (ausser Betrieb) und Bronzeskulptur „Vetter Schorsch und Baas Kathrin“. Die Gesamtfläche wird mit einer Dosenschüttung blechern farbig gestaltet. Der Platz wird wie angetroffen verlassen.

Die Gegebenheiten des Platzes sind fotografisch dokumentiert, ebenso die zur Aufstellung kommenden Dosenskulpturen. Sechs Fotos und ein Plan anbei.

Alle Stelen bzw. Skulpturen stehen auf Holzpaletten bzw. Dielen und sind mit diesen fest verschraubt. Auch dazu zwei Fotos zur Information anbei.

In den Brunnen wird eine runde Holzplatte eingebracht, zur Aufnahme der vier bis acht Stelen, die dort Platz finden sollen. Der Eimer des Ziehbrunnens wird mit Dosen aufgefüllt.

Die Figuren der Skulptur „Vetter Schorsch und Baas Kathrin“ werden mit Dosengirlanden behängt, ebenso der angedeutete Gartenzaun.

Zum Einsatz kommen etwa 2500-3000 Dosen.

Mit freundlichen Grüssen

P.s.: Bitte um Rückgabe des Fotomaterials.

Antwort des Fachbereichs Sicherheit und Ordnung der Stadt Mannheim vom 10.01.2001

Gemäss § 16 Strassengesetz Baden-Württemberg…erhalten Sie … die Erlaubnis, in der Zeit vom…auf dem Rathausplatz…Bilder und Skulpturen mit dem Titel „Dosenglück“ auszustellen.

Gebühren: Sondernutzungsgebühr DM 33,60×6 Tage=201,60 DM, …Verwaltungsgebühr DM 60,00,… Gesamtbetrag: DM 261, 60… Wir bitten um Überweisung…Fälligkeit 01. Feb: 2001… Bedingungen/Auflagen…Rechtsbehelfsbelehrung…Unterschrift. (Wir haben umgehend die gestellte Rechnung beglichen, DieRedaktion. Wir berichten weiter. Falls jemand Fotos und Zeitungsausschnitte zu den hier geschilderten Aktionen gesammelt haben sollte, bitten wir um Mitteilung, DieRedaktion.)

 

PRESSE IN LOSER REIHENFOLGE

Der Preis der Dose # Pfand für alle Dosen ab Sommer 2001, nur Rheinland-Pfalz dagegen # Kunstwerke aus alten Dosen # IHK lehnt Zwangspfand ab # Wohin rollt die Knitterbüchse? # Dosenpfand stösst auf Widerstand, Handel und Industrie drohen mit Klage # Länder-Wirtschaftsminister lehnen Dosenpfand ab, flächendeckendes System von Rücknahmeautomaten kostet vier Milliarden Mark # Dreissig Müllsäcke gefüllt, Säuberungsaktion der Ilvesheimer Angler # Grüne Breitseite gegen Teufel und Döring…“Verschnarchte CDU/FDP-Koalition“ # Sogar Schlachtabfälle in der Natur entsorgt, BUND sammelt auf der Heddesheimer Gemarkung fünf Kubikmeter Müll ein # Die Arroganz der CDU: Union besteht auf Trittins Entlassung # Rücktritt der „Alzheimer“ # Der Umweltminister im „Dosenglück“ # „MIR“ steht der Absturz bevor… und so weiter und so fort, DieRedaktion.

 

Zurück ins letzte Jahrhundert: 1993

DIE RHEINPFALZ, Montag, 20. Dez. 1993

„Glück lebt nicht in Dosen“, Performance-Künstler Franz Bellmann klappert gegen Umweltbelastung, von Cornelia Wystrichowski

Auszüge aus einem längeren Artikel:

Foto Manfred Rinderspacher
Foto Manfred Rinderspacher

Klappern gehört zum Handwerk. Das alte Sprichwort nahm Franz Bellmann wörtlich und hüllte sich in ein wallendes, schepperndes, selbstgenageltes Gewand aus leeren Coladosen, mit dem er sich am Samstag…in die Ludwigshafener Fussgängerzone wagte. Eigentlich wollte er auch die Geschäfte im Rathaus-Center besuchen, doch die dortigen Ordnungshüter wollten die „Dosenglück“ genannte Performance nicht in ihren Konsumhallen dulden…“You can beat the feeling“, sagt er in Anlehnung an den CocaCola-Werbespot, und meint eigentlich, dass die Herstellung einer Dose einen ungeheuren Energieverlust bedeutet. „Die Dose sollte völlig abgeschafft werden.“…Wie hält es der Anti-Dosen-Prophet eigentlich selbst mit dem Konsumieren? „Ich bin kein Konsument“… er kaufe nur Frischware. Doch auch andere zu solchen Verhaltensweisen zu bewegen, sei „eine Sisyphusarbeit“. Genug Zeit dazu hat Bellmann…eingeplant: „Das laufende Dezennium“.

Dosenspaziergang in Ludwigshafen am Rhein, ein Blick zurück...
Dosenspaziergang in Ludwigshafen am Rhein, ein Blick zurück…

Der MM meldete unter Kunstobjekt Getränkedosen am selben Tag: „Die Menschen auf die Umweltprobleme durch Einwegdosen aufmerksam zu machen“, das ist das Anliegen des Mannheimer Künstlers…

Platzschein der STADT  LUDWIGSHAFEN  AM  RHEIN vom 17.12.1993 Sondernutzungserlaubnis für einen „Dosenspaziergang“ (Performance) in der Fussgängerzone am 18.12.1993, mehrere Auflagen formaler Art, Stempel, Unterschrift…

Foto Manfred Rinderspacher

Gebührenbescheid der STADT  LUDWIGSHAFEN  AM  RHEIN vom 24.03.1994…Für diese Erlaubnis wird gemäss § 1 der Satzung über die Erhebung von Verwaltungsgebühren in Selbstverwaltungsangelegenheiten der Stadt Ludwigshafen am Rhein i. V. m. § 4 der Anlage zu dieser Satzung eine Verwaltungsgebühr in Höhe von 35,00 DM festgesetzt…Anlage: ein Zahlschein.

Dosen zwischen den Stühlen

Auftrag 26.4.99, gedruckt 29.4.99, Dosen zwischen den Stühlen.

Foto mit freundlicher Genehmigung durch Irene Kupsch und Bernhard Wondra

Über Kunst läßt sich nicht streiten…Auf jeden Fall eckt derjenige an, der mit seiner Kunst provoziert, mit der Wahrheit konfrontiert. Ein Beispiel hierfür bietet sich derzeit in Worms. Hier mußte ein Künstler erleben, daß von ihm großflächig arrangierte Objekte plötzlich vorzeitig vom Ausstellungsort entfernt wurden. Und zwar handelte es sich um einen Teil der sozialkritischen Präsentation „Terra Deponia“ des Dosenkünstlers Franz Bellmann im „Museum im Andreasstift“.

„Die verpackte Welt“, Foto Matthias Plath

Die Rasenfläche im Innenhof des Stifts beherbergte wahre Dosenberge und zu Objekten wie Kreuze, Stelen und Ster zusammengefügte Mahnmale der heutigen Wegwerfgesellschaft. Dies mußte jetzt aufgrund Drucks von außen vorzeitig weichen. Franz Bellmann… fühlt sich in der Nibelungenstadt wie Siegfried, an seiner schwächsten Stelle tief getroffen. Durch widrige Umstände erreichte ihn die Information zusätzlich erst nach der Entfernung.

(Anmerkung: Nacht- und Nebelaktion, Die Redaktion.) Was war also geschehen? Thomas Schiwek, Leiter des Museums im Andreasstift…sah sich „zwischen den Stühlen“. Stadtrats-Mitglied der CDU Elvira Bickel hatte öffentlich dafür plädiert, die Blechdosen schon vor dem geplanten Ende der Ausstellung zu entfernen,…da viele Besucher bei dem Anblick der verstreuten Trinkbehälter „irritiert“ und „verständnislos“ reagierten.

Schiwek selbst war Zielscheibe solcher Anrufe, wie den von Hildegard D´Arco, die sich…„ja so geschämt hatte“. Auch von Seiten der FDP erreichte Schiwek eine negative Bewertung der Bellmannschen Kunst: „erklärungsbedürftige Müll-Ausstellung“ war die Formulierung. (Foto rechts mit freundlicher Genehmigung durch Irene Kupsch und Bernhard Wondra, DieRedaktion.)

Worms, derzeit öfter in kulturellem Gärprozess stehend, kann offensichtlich mit der Botschaft des Künstlers wenig anfangen; der Künstler selbst ist zwischen die eh schon gespannten Fronten geraten. Die endgültige Entscheidung Thomas Schiweks,…diente deswegen sogar eher zum Schutz des Künstlers, der, so Schiwek, als aufrüttelnder Dosenkünstler und nicht nur als Rasenvernichter in der Erinnerung der Wormser bleiben sollte.

„Die Bewässerungsanlage“, Foto Manfred Rinderspacher, entsorgt

…Wertstoffreich recyclebar, wenn alle mitmachen würden, unnützer Müll, wenn achtlos weggeworfen. Das war die Botschaft des Künstlers Franz Bellmann, dem die Grasüberwucherung seiner Objekte ein weiteres natürliches Stilmittel gewesen wäre. Aber eben unverstanden. Über Kunst läßt sich nicht streiten. Oder doch…?(hüf)

(Mit freundlicher Genehmigung durch Claudia Hüfner, siehe auch einen Artikel weiter, Die Redaktion.)

„Terra Deponia“ im Andreasstift

Auftrag 14.3.99, gedruckt 23.3.99,  „Terra Deponia“ im Andreasstift.  „Dosen im Kreuzgang, wo sonst die geballte Wucht der Geschichte vertreten ist – wie paßt das zusammen?“ gab Hans-Joachim Kosubek, stellvertretender Kulturdezernent der Stadt Worms bei seiner Begrüßung den provokanten Denkanstoß zu den Werken des Malers und Performancekünstlers Franz Bellmann…1992 entstand der Wandel von der Malerei zur Projektkunst mit dem Konzept: „Dosenglück“: Die großflächigen Bilder seiner gegenwartsbezogenen Arbeiten sind reliefartig gestaltet, farbstark demonstrieren sie eindringlich, wieviel Abfall die Erde wie eine künstlichen Haut überzieht…„Kritische Masse“, „Arche Noah“, „Photomania“ oder die Skulptur „Stangenware“ sprechen eine eindeutige Sprache; der Betrachter fühlt in beklemmender Deutlichkeit den Aufschrei der Erde durch Verbrauch und üppige „Möblierung“ einer Stadt mit Müll. (Foto links mit freundlicher Genehmigung durch Irene Kupsch und Bernhard Wondra, DieRedaktion.)

Schirmstelen in Edingen, Foto Manfred Rinderspacher
Schirmstelen in Edingen, Foto Manfred Rinderspacher

In dazu künstlerischer Spannung stehen die Arbeiten Bellmanns im weißen Saal des Museums und im Obergeschoß…„Dosenglück“ verbindet in einer Verschmelzung von gepreßten und gemalten Dosen vor schwarzblauem Hintergrund altes und neues Konzept…So sind Workshops… geplant, Anmeldungen hierfür im Museum. (hüf)…(Mit freundlicher Genehmigung durch Claudia Hüfner, beide Artikel in DIE RHEINPFALZ erschienen, hier stark gekürzt wiedergegeben, weiterer Hinweis: zur Ausstellung „Terra Deponia“ erschien ein kleiner Katalog, welcher käuflich zu erwerben ist, inclusive Versandkosten 15.-Euro, DieRedaktion.)

Blick in den Ausstellungsraum Andreasstift, Foto Manfred Rinderspacher

Ein Hinweis: Angekreuzt im MM vom 01.10.2003

Mannheims Dosenkünstler und Maler Franz Bellmann ist heute… im Fernsehen zu bewundern. Der SWR zeigt… in der Landesschau eine Glosse unter dem Titel „Im Namen der Dose“; Redakteur ist Eberhard Reuß. Anlass ist das Inkrafttreten des Dosenpfand-Gesetzes. (Ein Mitschnitt obiger Sendung kann unter Umständen beim SWR bezogen werden, Die Redaktion.)

Festival + Jubiläum: 25 Jahre Atelier für experimentelle Malerei und Bildhauerei vom 01.07.2010 bis 07.07.2010

Festival- und Jubiläumskuchen 2010, Foto Matthias Plath

Die Festivalzeitung, wie sie nach langen und schwierigen Vorarbeiten im Juni 2010 in Druck ging.

Foto Matthias Plath

Vorbereitende Massnahmen zur Durchführung des Festivals, auf der Aufnahme links sind zwei gerade aufgehängte Jazz-Portraits vom Fotografen Manfred Rinderspacher zu erkennen. Diese Präsentation zeigten wir zum Eröffnungstag des Jubiläums.

Frau Dr. Christel Heybrock im MM vom 30. Juni 2010

Forum für Weggefährten und Freunde, der Mannheimer Dosenkünstler Franz Bellmann feiert das 25-jährige Bestehen seines Ateliers mit Lesungen, Diskussionen, Kabarett und Kunst

…feiert er eine ganze Woche lang nun das 25-jährige…und wenn andere Leute in ähnlicher Situation sich ausufernd feiern lassen, macht er es just umgekehrt und lässt Freunde und Kollegen, Weggefährten und sogar Verwandte auf der Bühne seines Schaffens auftreten…

…Immer noch besteht der Garderobenständer aus diversen Blecheimern, Deckeln, einer Kuchenform und den verrücktesten, bunt bemalten Fundstücken, immer noch ziert eine türkisgrüne Skulptur mit dem Titel „Beuys“ jener Hut, der an den grossen Meister von Filz und Fett erinnert, während…ein schräg gekippter Plastikkorb das Ganze gefährlich instabil aussehen lässt…

„Beuys in Begleitung“, Foto Manfred Rinderspacher

…Einer, der mit seiner Kunst so in die soziale Breite und auf die Probleme der Gegenwart zielt statt ins grosse Geschäft und auf globalen Ruhm, dem nimmt man auch ab, dass er zum Jubiläum andere zu Wort kommen lässt, schliesslich haben sie alle ihn freundschaftlich begleitet…

…Wie fühlt er sich denn in der Mannheimer Kulturszene? „Oh, ich fühle mich wie im Paradies. Stellen Sie sich mal vor, alle diese Leute gäbe es nicht!“

Und ohne die Weggefährten, wie ist sie denn, die Szene hier? Da kommt ein ebenso entschiedenes wie mehrdeutiges „Hm“. Nichts sonst.

Aber nächstes Jahr, wenn er 65 wird, soll es wieder ein Atelierfest geben…

(Der gesamte Artikel kann bei uns eingesehen werden, Die Redaktion.)

 

Das MORGENmagazin berichtet am 01.07.2010

Vorträge, Kabarett, Lesungen, Franz Bellmann feiert ein mehrtägiges Fest zum 25-jährigen Jubiläum seines Ateliers

Seine „Dosen-Kunst“ ist fast schon legendär. Franz Bellmann hat sich nicht nur mit ihr einen Namen gemacht, gleichwohl sind es diese ungewöhnlichen Objekte, mit denen er deutschlandweit für Aufsehen sorgte. Unermüdlich ruft er sich…mit unterschiedlichsten Aktionen in Erinnerung – und appelliert…an das Umweltbewusstsein der Menschen.

Nora Noé beim Festival, nach der Lesung im Gespräch mit ZuhörerInnen, Foto Matthias Plath

Seit 25 Jahren hat Bellmann in Mannheim ein Atelier. Ein Jubiläum, das nun gebührend gefeiert wird: Vom 1. bis 7. Juli lädt er zu Vorträgen, Diskussionen, Lesungen, Kabarett und Musik ein. Der Kabarettist Einhart Klucke wird zu erleben sein, die Sängerin Nadia Ayche, die Autoren Nora Noé und Meinrad Braun und der Klangkünstler Hans-Karsten Raecke. In einer Diskussionsrunde sprechen Gäste über die Situation der Bildenden Künste vor Ort, Höhepunkt ist ein grosses Atelierfest am 7. Juli. Fast täglich wechselt zudem die Kunst in Bellmanns Räumen: Ausstellen werden die Fotografen Manfred Rinderspacher, Matthias Plath und Günther Wilhelm, aber auch die Malerin Christine Bellmann. (Zusammen mit Ihrem Gatten Ludwig Roth, eigener Hinweis, Die Redaktion.)

 

IN MEMORIAM: Die Künstlerin, Autorin und Aktivistin Eva Vargas

Abschied von einer Ausnahme-Aussteigerin, Nachruf im MM am 30. Juni 2010 von Simone Jakob

„Wenn das alte Trafohaus am Wehrsteg-West einmal leer steht, hab‘ ich meinen Seesack geschnürt und bin gen Süden gezogen“ – mit diesen Worten endete ein Interview mit der Heidelberger Rest-Art-Künstlerin Eva Vargas. Doch ihr grosser Traum – als Bäuerin auf Sizilien zu leben – hat sich nicht erfüllt. Eva Vargas ist am Montag nach langer Krankheit gestorben.

Die Heidelberger werden die Künstlerin, Songpoetin, Autorin und Aktivistin vermissen. Wer den Leinpfad flussabwärts ging, landete irgendwann vor ihrem Backsteinhaus, das wie ein verwunschenes Rapunzel-Schloss aus wildem Grün hervorlugte. Ein ausrangiertes Ofenrohr diente als Briefkasten und im Garten standen unzählige, bunt bemalte Schrottgebilde. Und bei jedem Spontanbesuch wurde man schnell selbst zum Künstler, denn aus dem Trafohaus direkt am Neckar hat Eva Vargas das „Rest-Art-Zentrum-Heidelberg gemacht…

…“Wer ein Zipfelchen vom Paradies erwischt hat, sollte es mit anderen teilen.“…