Ein sehr alter Hut der Performancekunst

Aus dem Mannheimer Rathaus (Dezernat V) vom 01.10.1996

„Künstleraktion beim Landesmuseum für Technik und Arbeit“

Foto Manfred Rinderspacher

Der Mannheimer Maler und „Dosenkünstler“ Franz Bellmann wird am Sonntag, den 13.10.1996, um 13:00 Uhr, auf einem Teilstück der Museumsstrasse vor dem Eingang des Landesmuseums für Technik und Arbeit einige tausend leere Getränkedosen mit einer historischen Strassenwalze aus den Beständen des Landesmuseums plattfahren… In der Region und auch darüber hinaus ist Franz Bellmann kein Unbekannter, er hat mit seiner Dosenkunst schon viel Aufmerksamkeit erzeugt und Diskussionen entfacht. In der Mannheimer Rathausgalerie war Bellmann zwischen dem 1. Februar und 1. März 1996 mit seinen Bildern und Skulpturen aus zerdrückten Blechdosen und anderen Abfällen zu sehen…

(Der komplette Veranstaltungshinweis des damaligen Bürgermeisters Lothar Mark liegt uns vor, Die Redaktion.)

Vorankündigung im Mannheimer Morgen vom 5./6.10.1996

„Dosenkünstler Bellmann rückt mit Dampfwalze an“

„Mein Kopf ist voller Dosenideen, hoffentlich platzt er nicht“, sagt Mannheims Dosenkünstler Franz Bellmann. Grund ist die Generalprobe einer Plattfahraktion … Als Probe für ein grösseres Unternehmen will Bellmann einen 40 Meter langen „Dosenläufer“ aus plattgefahrenen Getränkedosen schaffen. Dabei wird eine Dampfwalze des Landesmuseums wiederbelebt.

Foto Manfred Rinderspacher

Abschrift eines Vorberichtes zur Plattfahraktion, SDR-S4, Kurpfalzradio Moderator Eberhard Reuß, Sendezeit 12.10.1996, 12:45 Uhr

„Wie wird es wohl morgen vor dem LTA?“

Eberhard Reuß (Einführung): Der Künstler und Bildhauer Franz Bellmann aus Edingen-Neckarhausen sammelt Blechdosen und formt Statuen und Girlanden daraus. Doch nach seiner letzten grossen Dosenglück-Ausstellung im Mannheimer Rathaus kam er an ein ganz grosses Projekt. Er kam nämlich in Kontakt zum Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit. Und das suchte für seinen morgigen Tag der Offenen Tür eine ganz besondere Aktion. Künstler Franz Bellmann wusste Rat und darf morgen ab 13:00 Uhr vor dem Mannheimer Landesmuseum 12 000 Blechdosen mit einer Dampfwalze plattfahren. Eberhard Reuß war bei den Testfahrten mit dabei.

Reuß: Im Atelier von Franz Bellmann stapeln sich Tausende von Blechdosen geformt zu Stelen und Girlanden, doch sind sie auch schlicht und einfach dazu da, plattgewalzt zu werden. 12 000 Stück hat Franz Bellmann gesammelt und auch geschenkt bekommen, er hatte schon seit Jahren davon geträumt, sie auf einem grossen Platz plattzuwalzen. Nun ist Franz Bellmanns Traum vor dem Mannheimer LTA in Erfüllung gegangen.

Bellmann: Ich möchte ja Überzeugungsarbeit leisten, dass diese Wegwerfgesellschaft reduziert, und ich gönn‘ mir natürlich, da einfach drüber zu fahren, und diesen Spass zu haben, diese Dosen plattzumachen.

Reuß: Das Museum hat dem Aktionskünstler auch die Dampfwalze zur Verfügung gestellt.

Bellmann: Das sind die Zündpatronen. Die werden jetzt hier eingeführt und dann verschraubt. Und dann müssen wir mit einer Kurbel den Motor anwerfen. Das ist so schwer. – Alles klar?

Reuß: Franz Bellmann und sein schweres Gefährt kommen in die Gänge. Auf einer Strecke von 30 Meter Länge gilt es Blechdosen zu zermalmen. Erheitert, vielleicht auch etwas fassungslos, staunt der stille Beobachter über das gezielte Plattwalzen von Blechdosen.

Pabel: Ich wüsst‘ mit den Dosen auch nichts anzufangen, ich find’s nicht schade drum.

Reuß: Blechdosen-Aktionskünstler Franz Bellmann findet jedoch gerade bei der jüngeren Generation vollstes Verständnis.

Schulklasse: Ja, ich würd‘ auch gern Dosen plattfahren, voll geil (Belustigung und Lachen).

Reuß: Direktor Lothar Suhling hat den Platz vor dem Mannheimer LTA für die Blechdosen-Plattwalz-Aktion zur Verfügung gestellt. Überkommen ihn nicht auch geheime Lüste?

Suhling: Nee, nee, in manchen Situationen, wo es ein bisschen aggressiv zugeht, dann ist es vielleicht ein erlösendes Moment, wenn man etwas plattwalzen kann, aber wir haben es noch nie getan.

Reuß: Aktionskünstler Franz Bellmann plant indes noch grössere Plattwalzaktionen. Die 12 000 Blechdosen auf einen Satz niedergemacht, das reicht noch nicht.

Bellmann: Also, wir wollen da schon Grössenverhältnisse angehen, wo man dann sagen könnte, wir packen ein Fussballfeld voll mit Dosen, vielleicht spielt der Herr Beckenbauer dann auch mit und gibt den Dosen den gewissen Kick, das wär‘ ja ne Freude par excellence, würd‘ ich mal sagen, es gibt Areale hier in Mannheim – ich denk da immer noch an den Marktplatz, auch wenn’s historisches Kopfsteinpflaster ist, aus diesem Grund hat man es ja damals nicht genehmigt – aber wenn ich sehe, mit dieser Walze hier, da dürfte da auch nichts passieren, und das wär‘ dann das Ding, mit 40-50 tausend Dosen den ganzen Platz ausgelegt, und dann vielleicht nur rote Dosen…

Reuß: Fazit der Plattwalztestfahrt, Künstler Franz Bellmann hat für die morgige Aktion alles im Griff. Das ist das Dosenglück?

Bellmann: Das wird das Dosenglück. Am Sonntag, den 13., um 13:00 Uhr. Hoffe ich doch – für alle Beteiligten auch!

Badische Neueste Nachrichten (BNN) vom 14.10.1996

„Dosenhappening mit Franz Bellmann“

Mit einer Plattfahraktion sorgte der Mannheimer Künstler Franz Bellmann gestern im Landesmuseum für Technik und Arbeit für Aufsehen. Mit einer historischen Strassenwalze stampfte der Aktionist gegen die Wegwerfmentalität 12 000 ausgediente Getränkedosen ein.

Der Mannheimer Morgen urteilte am 14.10.1996

MM-Redaktionsmitglied Harald Sawatzki:

…Das LTA-Programm konnte sich sehen lassen: Zum Beispiel war da Franz Bellmann, seines Zeichens „Performance-Künstler“ aus Mannheim, unweit des Hauptportals zu bestaunen. 16 000 Getränkedosen sammelte er in den letzten Wochen und Monaten, plazierte sie nun auf einer vielleicht 40 Meter langen Wegstrecke und ging um die Mittagszeit ans Werk, bestaunt von jung und alt, groß und klein. Mit einer Dampfwalze machte er alles eben bei seiner „Plattwalzaktion“, wie Kulturbürgermeister Lothar Mark diesen neuesten Einfall Bellmanns  kommentierte. Mark streifte mit einer Gruppe Interessierter das Landesmuseum im Rahmen seines „Kulturspazierganges“…

Foto Manfred Rinderspacher

Der Mannheimer Morgen vom selben Tag

„Jede Menge Blechschaden

Zitat aus einem etwas längeren Artikel:…“Alle Öko-Mahner haben bislang nicht verhindern können, daß eine einzige Getränkedosenfirma in Deutschland pro Minute 2 000 Dosen, im ganzen Jahr eine Milliarde davon herstellt. Bellmann hat sich der Dose auf seine Weise angenommen, macht sie fleißig auf alle möglichen Arten platt, verarbeitet sie zu Kunstwerken, die in ihrem Destruktivismus als Dokument unserer Einweg-Gesellschaft dienen…

Die Rhein-Neckar-Zeitung vom 15.10.1996

„Einfach platt“

Weil Getränkedosen Rohstoffe vergeuden und alles andere als umweltfreundlich sind, machte „Dosenkünstler“ Franz Bellmann sie ganz einfach platt. Einige tausend hatte er in den letzten Monaten gesammelt und am Wochenende vor dem Landesmuseum für Technik und Arbeit aufgestellt. Mit einer historischen Dampfwalze rollte Bellmann, der bereits mit anderen spektakulären Dosenaktionen auf sich aufmerksam machte, sie zu einem Blechteppich zusammen…

Wormser Zeitung (RheinMainPresse) vom 15.10.1996

„Künstler walzt 12 000 Dosen platt“,… „Kunst aus der Konserve…: Mit einer historischen Straßenwalze macht Franz Bellmann einem riesigen Dosenberg den Garaus“…

Foto Manfred Rinderspacher
Foto Manfred Rinderspacher

Eine Mannheimer Kunstliebhaberin schrieb am 12.11.1996

Sehr geehrter Herr Bellmann!

Ich bin zwar schon etwas älter, gebürtige Mannheimerin, und interessiere mich an vielem, was in Mannheim vor sich geht. Da ich selbst nicht mehr viel außer Haus kann, orientiere ich mich um so mehr in unserem „MM“.

So bin ich toll begeistert über Ihre Dosen-Künste, habe im Laufe der Zeit schon etliche Artikel mir ausgeschnitten und erfreue mich immer wieder daran. Es ist großartig, was Sie hier „auf die Beine stellen“!

Gerne würde ich mir ein Autogramm von Ihnen erbitten, das ich den Bildreportagen beifügen möchte.

Rückkuvert und Kärtchen lege ich gerne bei und bedanke mich auch im Voraus vielmals dafür.

Ihnen aber, lieber Herr Bellmann, wünsche ich noch viele gute Intuitionen zu Ihren Werken, viel Erfolg, dazu beste Gesundheit und Wohlergehen!

Mit freundlichem Gruß!

(Name und Anschrift der Verfasserin sind der Redaktion bekannt.)

HINWEIS: Der identische Originalartikel befindet sich im Papierkorb!

Ergänzungen

Foto Manfred Rinderspacher
Foto Manfred Rinderspacher

Am 20.01.2012 teilte ein bekannter Mannheimer Galerist mit

Lieber Franz,

ich bin platt! Ganz toll gemacht – Deine blogsite. Auch der Kalender ist eine gute Idee. Habe zwar zunächst in alles nur rein geschnuppert. Die Hamburger Impressionen sind für mich ganz neu, gefallen mir, am 08. April 2020 warst Du auch schon dort!? (2. Bild). Die Dokumentation von der Plattfahraktion ist spitze. Herzliche Grüße…

(Name und Anschrift der Galerie sind der Redaktion bekannt, der kritisierte Datumsfehler wurde korrigiert.)

Meine Antwort vom selben Tag

Hallo…,

schön, dass Du antwortest: Hatte mir schon Sorgen gemacht.

Ja, das soll ein Internet-Tagebuch werden mit dokumentarischem und archivarischem Charakter. Dazu höre ich mich grad um, wer zum Beispiel Fotos, Artikel und dergleichen hat…

Auch wenn ich mittlerweile vieles selber machen kann, das eigentliche Lob gebührt meinem Sohn Philipp. Er hat mir die Basis zu Weihnachten geschenkt, seit diesem Zeitpunkt arbeiten wir immer wieder an Veröffentlichungen. Und das sieht man, wie Du schreibst, am Kalender.

Die Impressionen aus Hamburg bieten einen kleinen Vorgeschmack auf das, was noch kommen kann. Als ich 2010 bei meiner Tochter war, habe ich fotografiert wie der Teufel, auch zum Thema Gentrifizierung im Gängeviertel.

Zur Plattfahraktion überliess mir Manfred grad vor kurzem Fotos, die er mir digitalisiert hatte. Wir wollen weiter zusammen arbeiten. Da kommt noch jede Menge Arbeit auf mich zu.

Liebe Grüsse

an Euch Alle,

Franz.

Anmerkungen zur Vorgeschichte der Plattfahraktion

Im Frühjahr 1996 schlossen ich und ein Kiosk-Betreiber, der während der Badesaison sein Geschäft im Innenbereich eines Wormser Freibads betrieb, per Handschlag einen Vertrag: Wir organisierten ein Dosenpfand.

Für eine Deutsche Mark zusätzlich zum üblichen Kaufpreis des Getränkes mussten ab sofort alle ausgegebenen Getränkebüchsen leihweise erworben werden. Dem Käufer wurde eine Pfandmarke ausgehändigt, die zusammen mit der leeren Getränkedose zurückgegeben werden musste.

Für den Geschäftsmann war diese Regelung auch von Vorteil, da die überwiegend von Kindern eingelösten Pfänder umgehend in Eis oder andere Süssigkeiten umgesetzt wurden.

Der Kiosk-Inhaber sammelte und reinigte die zurückgebrachten Dosen. Er informierte mich telefonisch, sobald der angesammelte Bestand eine Abholung notwendig machte. Die in Kunststoffsäcken aufbewahrten Büchsen transportierte ich in ein Zwischenlager.

So sammelte ich im Laufe des Sommers etwa 16 000 Büchsen, die dann bei der Plattwalzaktion vor dem LTA zum Einsatz kamen.

Foto Manfred Rinderspacher
Foto Manfred Rinderspacher

(Dank für freundliche Mitarbeit an Gabriele Iris Haag, DieRedaktion.)

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